Die vordere Umkehr

vordere UmkehrAls ich 1988 anfing, die Lehrgänge an der Ruderakademie Ratzeburg zu betreuen, führten die Bundestrainer Schmidt und Wecke die Videoanalysen durch. Die Merkmale der Vorlage sind mir insbesondere auch durch die Videofilme von Hans-Peter Schmidt unvergessen:

senkrechter Unterschenkel
langer Arm
Hüftwinkel geschlossen

Das Leitbild der Rudertechnik in Schleswig-Holstein begann mit diesen Merkmalen. Konsequent hat der Ruderverband Schleswig-Holstein in den letzten dreizehn Jahren an diesem Leitbild gearbeitet. Trainerinnen und Trainer, Ruderinnen und Ruderer haben es auf unseren Förderlehrgängen in Ratzeburg gemeinsam entwickelt.

Die aktuelle Diskussion bestätigt die Notwendigkeit unserer Forschungsarbeit eindrucksvoll. So forderte Nachwuchs- und Diagnosetrainer Dr. Dieter Altenburg in der Rudersport 5/2001: „Wir brauchen eine einheitliche Rudertechnik … “ . In der gleichen Ausgabe erklärt unser Sportdirektor Michael Müller zum rudertechnischen Leitbild im Deutschen Ruderverband: „In der Auswertung und Aufbereitung dieses Wissen haben wir Nachholbedarf.“ Und Bundestrainer Dieter Grahn stimmt mit ein: „Wir müssen einheitliche Technikvorstellungen für alle entwickeln. Wir müssen auch hier erst einmal sagen, was wir wollen und die Frage beantworten: Wie rudere ich erfolgreich? Es muss uns gelingen, den Heimtrainern Mittel an die Hand zu geben, damit sie unsere Vorstellungen umsetzen können. Das Rudern braucht dabei nicht neu erfunden zu werden.“

Wer nun meint, das diese Diskussion neu ist, der irrt. Bereits 1982 schrieb Volker Nolte in der Rudersport 2: „Der Trainer und Ruderer muss sich in Gedanken ein Idealbild der Ruderbewegung vorstellen können. Mit dieser Vorstellung nämlich wird die korrekte Ausführung der Technik jeweils verglichen und zu korrigieren versucht. Doch woher kommt eine solche Vorstellung?“

Das Technikleitbild basiert auf vier Säulen:

  1. Videoanalysen der Weltbesten von Bundestrainer Hans-Peter Schmidt †
  2. Biomechanische Studien von Dr. Volker Nolte
  3. Erfahrungen der Trainer und Athleten des Ruderverbandes Schleswig-Holstein
  4. meine eigenen Erfahrungen und Überlegungen als Ruderer und Trainer.

Ich vertrete die Auffassung, das ein Leitbild drei Hauptkriterien zu beachten hat:

  • objektive, biomechanische und physikalische Bedingungen,
  • subjektive, athletenbezogene Bedingungen,
  • (demokratische) Vereinbarungen.

Eine Vereinbarung ist die Handführung „rechte Hand näher am Bauch und eng unter der linken Hand“. Wie bereits im Artikel Handführung erwähnt, gibt es nach Volker Nolte kein sachliches Argument für die eine oder andere Lösung. Um optimal zusammen Rudern zu können, muss das Merkmal aber vereinbart werden.

Die geraden Handgelenke im Durchzug sind ein objektives Merkmal. Es gibt keine Vereinbarungen oder subjektive Bedingungen wie die Körpergröße, die dieser Merkmalsausprägung entgegen sprechen. Ganz im Gegenteil: aus gesundheitlichen Gründen spricht alles für die gera-den Handgelenke im Durchzug, um Überlastungsschäden zu vermeiden.

Die Merkmale der Vorlage sind aber nur als Anhalt zu sehen. Je nach Körpergröße und Körperverhältnissen, kann es hier zu Abweichungen kommen, die nicht als Fehler zu betrachten sind.

In der Vorlage ist es ohne Zweifel ein Fehler, ohne Vorlagewinkel zu Rudern. Hierdurch ist kein langer Ruderschlag möglich, was sich negativ auf das Fahrtempo auswirkt. Genauso falsch ist es aber auch, mit „überreizter Vorlage“ zu fahren. Die Unterschenkel sollten auf keinen Fall mehr als wenige Grad über die Senkrechte hinaus gerollt werden. Nach Nolte soll der Unterschenkel sogar auf keinen Fall über die Senkrechte hinausgeführt werden, er plädiert für senkrechte Unterschenkel (bei ihm 0°) oder eben noch nicht senkrechte Unterschenkel (bei ihm 5°).

Reinhart Grahn

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