Die Rudertechnik im Ruderverband Schleswig-Holstein

1988 oder wie alles anfing

Reinhart Grahn nimmt Videos auf für die Trainer-Ausbildung beim Deutschen Ruderverband. Foto: A. König

Reinhart Grahn nimmt Videos auf für die Trainer-Ausbildung beim Deutschen Ruderverband. Foto: A. König

Ich begann 1988, die Sichtungs- und Förderlehrgänge des Ruderverbandes Schleswig Holsteins (RVSH) zu leiten. Die ehemaligen Bundestrainer Hans-Peter Schmidt und Richard Wecke führten auf diesen Lehrgängen Videoanalysen durch, um die Rudertechnik der Teilnehmer zu beurteilen.

Es war die Zeit, als die Rumänen und mit ihnen vor allem viele Ruderinnen im Endzug fast flach im Boot lagen. Diese Technik stand im Widerspruch zu den Ansichten von Volker Nolte. 1982 hatte er diese bereits im Rudersport veröffentlicht. Aber die Rumäninnen waren schnell, also gab es Nachahmerinnen. Heute ist diese extreme Rückenlage kaum noch anzutreffen. Aus dieser Zeit stammt mein Bedürfnis, ein Vergleichsprofil für eine Rudertechnik zu finden, welches relativ zeitstabil ist. Ich folgte in den nächsten Jahren stundenlang den Videoanalysen der beiden Bundestrainer aufmerksam. Später führte Hans-Peter Schmidt diese Analysen für den Ruderverband Schleswig-Holstein noch bis 1995 fort. Und eben dieser Bundestrainer hatte in den achtziger Jahren die Rudertechnik der weltbesten Ruderer und Ruderinnen mit Videoaufnahmen analysiert und diese Ergebnisse veröffentlicht. Parallel studierte ich die Meinung von Volker Nolte. Er hatte die Rudertechnik aus biomechanischer Sicht analysiert und dargelegt.

Eine weitere Säule ist meine eigene, intensive Innensicht der Rudertechnik, die ich während meiner 13-jährigen Leistungssportzeit entwickelt habe. Mitte der neunziger Jahre wurden mit den Trainern und Athleten des Ruderverbandes Schleswig-Holstein auf den Sichtungs- und Förderlehrgängen in vielen gemeinsamen Stunden das Vergleichsprofil für diesen Verband definiert. Mein Dank gilt allen eben erwähnten Personen, die jede auf ihre Art zum Vergleichsprofil beigetragen haben.

Zusammenfassung

Mein Vergleichsprofil für Rudertechnik beruht auf vier Säulen:

  1. Videoanalysen der Weltbesten von Bundestrainer Hans-Peter Schmidt †,
  2. Biomechanische Studien von Dr. Volker Nolte,
  3. Erfahrungen der Trainer und Athleten des Ruderverbandes Schleswig-Holstein,
  4. meine eigenen Erfahrungen und Überlegungen als Ruderer und Trainer.

Zielsetzung oder Was ist ein Vergleichsprofil?

Ich möchte diesen Abschnitt mit drei Anmerkungen einleiten:

  1. Rudertechnik wird vereinbart und ist somit demokratisch,
  2. Rudertechnik folgt biomechanischen Grundprinzipien und ist somit objektiv,
  3. Rudertechnik wird von Individuen realisiert und ist somit subjektiv.

Ich möchte alle drei Anmerkungen kurz erläutern. Rudertechnik wird vereinbart und ist somit demokratisch.

Für die Handführung beim Skullen gibt es prinzipiell vier Möglichkeiten:

Handführung links über rechts rechts über links
rechte Hand näher am Bauch
vor der linken
wie DRV  
linke Hand näher am Bauch
vor der rechten
  wie ehemals DRSV

Wird auf dieses Merkmal kein Einfluss von außen genommen, wird jeder Anfänger sich intuitiv für eine Variante entscheiden, seine Handführung. Will er jetzt aber mit anderen zusammen rudern, gibt es schnell Probleme. Für den einen hängt das Boot nach Backbord, für den anderen nach Steuerbord, obwohl objektiv gesehen das Boot steht.

Die Handführung beim Skullen verdeutlich für mich sehr schön die Behauptung, das Rudertechnik vereinbart wird. Volker Nolte schreibt 1982: „Da es außer dem Ziel, miteinander rudern zu können, kein sachliches Argument für die eine oder andere Ausführung gibt, sollten sich die gegensätzlichen Standpunkte endlich in der schon seit Jahren geltenden Absprache im Bereich des DRV treffen. Die Skullführung soll im DRV einheitlich links über rechts und rechts vor links sein.

1991 legte der Sportdirektor Peter-Michael Kolbe fest: „Um eine einheitliche und kaderübergreifende Zusammenarbeit im Skull-Bereich des DRV zu gewährleisten, wurde die Handführung auf LINKS über RECHTS und RECHTS vor LINKS zum Körper festgelegt. Bei der Kinder- und Jugendausbildung muss von Beginn an auf diese Festlegung geachtet werden. Für alle im DRV tätigen Trainerinnen und Trainer ist diese Festlegung verbindlich. Für alle Ruderinnen und Ruderer, die sich für internationale Wettkämpfe bewerben wollen, erfolgt eine Nominierung nur bei entsprechender Handführung.“

Rudertechnik folgt biomechanischen Prinzipien und ist somit objektiv.

Für die Handführung gilt sowohl beim Skullen wie beim Riemen (für die Außenhand), dass der Innenhebel am Ende angefasst werden soll. Diese Forderung leitet sich aus den Hebelgesetzen der Physik ab und ist auch einhellige Lehrmeinung. Auch auf Bildern von Ruderern und Ruderinnen sind hier keine großen Unterschiede der Ruderer festzustellen.

Rudertechnik wird von Individuen realisiert und ist somit subjektiv.

Der Biomechaniker Volker Nolte (1982) weist darauf hin, dass er nur „grundlegende Merkmale der Rudertechnik angeben kann, die vom Trainer auf die individuellen Gegebenheiten seiner Ruderer, der Umwelt und dem jeweiligen Leistungsvermögen umgesetzt werden müssen.

Ich möchte auf die Eingangs bereits erwähnte Endzugposition (Rückenlage) zu sprechen kommen. Es gibt enorme Unterschiede in den Ausprägungen der Rückenlage. Sind es persönliche Überzeugungen, Vereinbarungen oder objektive Kriterien, die diese Unterschiede hervorrufen?

Der Biomechaniker Volker Nolte (1982) weist darauf hin, dass „die Rückenlage gegenüber der Auslage die Position ist, in der der Ruderer weniger Spielraum unterschiedlicher Bewegungsausführungen besitzt. Die Schulterachse befindet sich bugwärts gegenüber der Hüfte (Rumpfwinkel –10[°] bis –20[°]“. Die Abweichungen können so nicht objektiv sondern nur subjektiv erklärt werden, egal, ob als Übereinkunft mehrerer oder indivduell.

Technikleitbild versus Vergleichsprofil

Nolte (1982) sagt hierzu: „Im folgenden soll die „Rudertechnik“ nach neuesten biomechanischen Gesichtspunkten dargestellt werden. Dies soll als Grundlage für eine einheitliche Vorstellung bei Ruderern und Trainern über den Vollzug der sportlichen Bewegung „Rudern“ im DRV dienen.

Diesen Anspruch erhebt ein Vergleichsprofil nicht. Das Vergleichsprofils ist die Schnittmenge zwischen vereinbarter, objektiver und subjektiver Rudertechnik. Es ist ein Kompromiss, stellt also keine Idealtechnik dar. Es ermöglicht aber jedem Ruderer, seine Rudertechnik systematisch zu analysieren und insbesondere Veränderungen über die Zeit zu dokumentieren. Selbstverständlich kann das Vergleichsprofil natürlich die Funktion eines Technikleitbildes für einen Verein oder Verband haben.

Zusammenfassung

  • Rudertechnik ist demokratisch vereinbart.
  • Rudertechnik folgt objektiven Kriterien.
  • Rudertechnik wird durch individuelle Eigenschaften bedingt und ist somit subjektiv.

Wie stelle ich ein Vergleichsprofil dar?

Sprachlich oder bildlich?

Ende der achtziger schrieb Kolbe zur Handführung, es wird „Rechts vor/unter links“ gezogen. Anfang der neunziger hatte er Noltes Ausdruckweise „Links über rechts und rechts vor Links übernommen.“ Sprache ist Vereinbarung. Bilder sind Abbilder. Beides ist nicht die Wirklichkeit.

Sprachliches Denken wird der linken Hirnhälfte zugeordnet. Bildliche Vorstellungen werden der rechten Hirnhälfte zugeordnet. Bilder müssen bei einer Technikanalyse in Sprache umgewandelt werden, die Sprache muss wieder in Bilder umgesetzt werden.

Für mich der logische Schluss: Am besten transportiere ich ein Vergleichsprofil in Bildern und Sprache.

Chronologisch oder merkmalsbezogen?

Die Rudertechnik ist ein zyklischer Bewegungsablauf. In zwei Sekunden wird bei einer Ruderfrequenz von 30 Schlägen in der Minute ein Zyklus abgeschlossen. In zwei Sekunden wären also viele Parameter zu beobachten, deren Veränderungen absolut und zueinander zu bewerten. Mich überfordert dies, selbst wenn ich die Zeitlupen- und Stillstandfunktion bei einer Videoauswertung benutze. Angenehm ist für mich, eine Merkmalgruppe in einem zeitlichen Sinnzusammenhang zu beobachten und zu bewerten. Ich beobachte und werte Rudertechnik also über mehrere Ruderschläge aus, wobei ich nach ca. 15 Schlägen fertig bin.

Ich fange damit an, beim ersten Schlag von der Seite im Großformat aufgenommen, die Handführung zu betrachten. Dabei achte ich als erstes darauf, ob sich die rechte Hand im Durchzug näher am Bauch und unter der linken Hand befindet. Ich achte zunächst auf kein anderes Merkmal, und der Athlet kann sich mit dieser Auswertetechnik sogar problemlos selber auswerten.

Fließtext oder Checkliste?

Zur chronologischen Darstellung kann ich sehr gut den Fließtext verwenden, veranschaulicht durch Bilder. Will ich merkmalsbezogen auswerten, ist diese Variante ungünstig. Ich kann nicht schnell und ökonomisch arbeiten. Stichwörter im Sinne einer mentalen, fast symbolischen Markierung sind gut geeignet. Mit jedem Stichwort ist ein Bild assoziiert, ein Vergleich dieses assoziierten Bildes im Gedächtnis mit dem Abbild der Technik auf dem Bildschirm dadurch gut möglich.

In den Checklisten wird das Vergleichsprofil dargestellt. Für den Ruderverband Schleswig-Holstein stellt es zugleich das Technikleitbild dar. Das es nur ein Leitbild und nicht die Zieltechnik des einzelnen ist, wird insbesondere dadurch dargestellt, dass bei der Auswertung die Spalten rechts und links neben dem Vergleichsprofil mit „1“ bewertet werden. Hier ist also klar Spielraum für individuelle Ausprägungen gegeben.

Zusammenfassung

Die Checklisten sind auswerteorientiert und geben deswegen ein Vergleichsprofil

  • sprachlich,
  • bildlich und
  • merkmalsbezogen vor.
  • Zum Aufbau der Checkliste Skullen und Riemen
  • Die Arbeit mit den Checkliste Skullen und Riemen
  • Die Basischecklisten Skullen und Riemen

siehe Seite Checklisten

Literatur

  • Altenburg, D. & Mattes, K. (2002). Das rudertechnische Leitbild des Deutschen Ruderverbandes. Rudersport, 120 (1), 6–10.
  • Eberspächer, H. (2012). Mentales Training: Das Handbuch für Trainer und Sportler (8. Aufl.). München: Copress Sport.
  • Grahn, R. (2004). Checklisten Skullen, Riemen, Basisliste Skullen, Basisliste Riemen. Ratzeburg: Ruderverband Schleswig-Holstein.
  • Nolte, V. (1982). Die Rudertechnik. Rudersport, 100 (34), I–XII.

Reinhart Grahn

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