Vergleich von Ruderstilen von internationalen Spitzenbooten
Die Ruderstilen von Leistungsruderern haben sich über die Jahre ebenso verändert, wie sich die Geschwindigkeit der Boote gesteigert hat. Jeder Ruderer, und speziell die internationalen Spitzenruderer haben ihren eigenen Technikstil entwickelt, mit dem sie individuell das Optimum an Leistung erlangen. Sie haben eine „eigene Handschrift“ entwickelt. Das Thema „Vergleich von Ruderstilen von internationalen Spitzenbooten“ lässt sich sehr weit fassen. Zum Beispiel muss man definieren, welche Athleten oder Boote man unter dem Begriff „Spitzenboote“ fasst, bevor man deren unterschiedliche Techniken vergleicht.
In der Einleitung meiner Arbeit werde ich mich auf meine Interpretation des Themas beschränken. Das beinhaltet meine persönliche Definition von Spitzenbooten und die Streckenlänge von 2000 Metern, auf die meine Analysen beruhen. Bevor ich näher auf einzelne Ruderstile eingehe, finde ich es wichtig, erst einmal eine Beschreibung der grundlegenden Leitbilder des Skullens und Riemens vorzustellen. Ich werde das Thema im ersten Teil meiner Arbeit behandeln und darin allgemeine Bemerkungen zur Rudertechnik wiedergeben (z. B. über Schnelligkeit, über die Umkehrpunkte usw.). Ich werde ebenfalls einen Überblick über die „inneren Faktoren“ geben, die notwendig sind, um die Rudertechnik zu verändern, oder um den Ruderstil zu beeinflussen. Ein Teil der folgenden Ausführungen basiert auf den Ausführungen von Wolfgang Fritsch aus „Tipps für Rudern“, „Das große Buch vom Rennrudern“ und „Handbuch für den Rudersport“.
Im Hauptteil meiner Arbeit werde ich näher auf verschiedene Athleten und Mannschaftsboote in verschiedenen Bootsklassen bei unterschiedlichen Regatten eingehen. Ich werde Vergleiche ziehen und Bemerkungen zu individuellen Stilen anfügen. Meine Ansicht basiert auf der Analyse von Videos der Spitzenathleten im Wettkampf bei olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Darin inbegriffen sind Kommentare der Athleten und deren Trainer über den Ruderstil und die Technik. Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass meine Bemerkungen und Analysen meine eigene subjektive Meinung wiedergeben.
Die Zusammenfassung meines Referats richtet sich auf das Ergebnis der „richtigen“ Rudertechnik und ob es tatsächlich eine optimale Rudertechnik gibt. Außerdem werde ich mich mit dem Punkt beschäftigen, dass es nicht die „richtige“ Ruderbewegung gibt. Das muss man immer im Kopf behalten, wenn man Ruderstile analysiert. Die Zusammenfassung der zuvor analysierten Ruderstile wird zeigen, dass die jeweiligen Rudertechniken sowohl Vor- als auch Nachteile haben und man nicht von einer allgemein gültigen erfolgreichen Rudertechnik für Spitzenruderer reden kann. Jeder Ruderstil hat Grundprinzipien, die bei allen Spitzenbooten eingehalten werden, die ich untersucht habe. Manche Ruderstile zeigen größere Technikunterschiede auf, andere haben mehr Ähnlichkeiten. Aber alle untersuchten Athleten sind mit ihren individuellen Stilen erfolgreich gewesen. Deshalb gibt es keinen besonderen und auch nicht „den“ Ruderstil, sondern eher ein anpassungsfähiger, fließender und flexibler Stil.
Wie zuvor erwähnt, müssen zunächst Parameter festgelegt werden, um das Thema näher untersuchen zu können. Deshalb stellt sich zunächst die Frage, wie man „Spitzenboote“ definiert und wer in diese Kategorie fällt? Ich definiere Spitzenboote als Boote oder Mannschaften, die sich für die Finale bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen qualifiziert haben.
Bei der Streckenlänge habe ich mich für die 2000 Meter Distanz entschieden, die für Spitzenruderer als Standardrenndistanz gilt. Sie wird bei der WM und den olympischen Spielen absolviert. Natürlich gibt es auch weitere Streckenlängen wie z. B. 500 m, 1000 m, 1500 m oder 6000 m, bei denen unterschiedliche Ruderstile angewandt werden, die dem einen oder anderen mit seinem speziellen Ruderstil und der dazu geeigneten Taktik die besten Chancen eröffnen, das Rennen erfolgreich zu absolvieren. Bei einem typischen 2000 Meter-Rennen laufen sowohl beim Skullen als auch beim Riemen, egal, ob Einer oder Achter, die gleichen Rennschritte ab. Der Ruderer oder das Team beginnt mit dem Start, der meist fünf Schläge beträgt, um das Boot in Bewegung zu bringen, gefolgt von maximalen Schlägen (bis zu 20), um das Boot auf die Renngeschwindigkeit zu bringen. Dann folgen die Rennfrequenzschläge, mit denen man möglichst konstant die Renndistanz absolviert. Damit die Schläge konstant bleiben, werden an verschiedenen Marken im Rennen so genannte Spurts angesetzt (meist 10 bis 20 Schläge Druckerhöhung oder Schlagzahlerhöhung). Zum Ende des Rennens werden im Endspurt noch einmal die Schlagzahl und der Druck erhöht, mit dem Ziel, die letzten Reserven zu mobilisieren.
Es ist ebenfalls wichtig, einen Blick auf die Grundstruktur des Ruderschlages zu werfen. Diese individuellen oder grundlegenden Strukturen bewirken, dass der Ruderschlag von der Basistechnik von allen Ruderern sowohl beim Skullen als auch beim Riemen gleich durchgeführt wird, unabhängig vom Land, für das sie starten, oder in dem sie die Rudertechnik gelernt haben. Letztendlich hat jeder Ruderer das Ziel, im Wettkampf das Boot so schnell wie möglich fortzubewegen, mit möglichst wenigen Störungen des Bootslaufes, so dass die Geschwindigkeit des Bootes weitestgehend konstant bleibt.
Sowohl beim Skullen als auch beim Riemen haben wir klar definierte Phasen des Schlages: die Auslage, den Durchzug, die Rücklage und das Vorrollen. Der Bewegungsablauf gilt sowohl fürs Riemen als auch fürs Skullen. Der Ruderschlag ist die Wiederholung einer Grundbewegung, die man mit einer Radkette in Bewegung vergleichen kann, entweder auf Anfänger- oder Olympianiveau.
Wolfgang Fritsch stellt ein ausgezeichnetes „Leitbild“ oder eine grundlegende Beschreibung der einzelnen Phasen für das Skullen und Riemen vor. Ich beziehe mich in meiner Analyse auf die Beschreibungen in seinem Buch „Tipps für Rudern“ von 1998 (2., überarbeitete Auflage 2004).
Der Bewegungsablauf des Riemen- und Skullruderns wird von Wolfgang Fritsch als Leitbild sehr effektiv beschrieben und dient als Ergänzung meiner Analyse der verschiedenen Stile. Fritsch meint, dass das Vorrollen aus dem Endzug durch ein regelmäßiges Heranziehen am Rollsitz durchgeführt wird, ohne Geschwindigkeitszunahme oder Verlust. Beim Skullen sollen die Hände in Richtung Auslage in einer Linie durchgeführt werden, und sowohl beim Skullen als auch beim Riemen soll der Oberkörper stabil bleiben. Er hat beim Vorrollen schon die maximale Auslage erreicht, um in der Auslage nicht nachzuducken. Beim Riemenrudern wird das äußere Bein zur Auslage leicht abgespreizt und der Oberkörper in Richtung des Auslegers eingedreht. Die in einer Linie geführten Arme sind gestreckt und die Hände drehen die Blätter auf. Beim Setzen ist es wichtig, dass es in kürzester Zeit durch eine leichte Aufwärtsbewegung der Hände und der Kraft angepasst erfolgt. Im Durchzug wird der Körper eingespannt, und die Beine nehmen den Druck auf. Beim Riemen soll der Durchzug mit wenig vertikaler Bewegung erfolgen, so dass der Durchzug mit leicht rundem Rücken durchgeführt wird. Die Arme bleiben gestreckt, bis die Hände fast über den gestreckten Knien sind und werden dann im Endzug gebeugt. Der Oberkörper hat beim Endzug seine maximale Rücklage erreicht und bleibt stabil. Hüfte und Oberkörper halten die Spannung während die Arme bis zum Oberkörper herangezogen werden. Fritsch meint, dass bei Riemenrudern es in der Rücklage wichtig ist, dass sich der Oberkörper nicht parallel zum Innenhebel verwindet, sondern gerade über der Bootsachse bleibt wie beim Skullen. Die Schulterachse bleibt senkrecht zur Bootsachse und die Schultern, insbesondere die Innenschulter, sollten den Endzug unterstützen. Das Ausheben der Blätter erfolgt durch den Einsatz der Hände, Arme und Schultern. Beim Riemen wird es durch den Einsatz der Hände und der Innenschulter durchgeführt.
Es sind verschiedene Faktoren dafür verantwortlich, dass sich ein Ruderstil verändert. Besonders gilt dies bei der individuellen Technikentwicklung einzelner Athleten. Zu diesen Faktoren zählen physiologische (körperliche) Voraussetzungen, koordinative Fähigkeiten, genauso wie Gleichgewichts-, Anpassungs- und Kopplungsfähigkeit, außerdem noch Differenzierungs- und Rhythmisierungsfähigkeit. Der Ruderer muss ebenfalls ein Gefühl für das Boot entwickeln, um an der Weltspitze mitrudern zu können. Im Leistungssport müssen die Ruderer all diese Fähigkeiten bei höchster Belastung umsetzen, obwohl der Körper währenddessen eine große Laktatflut bewältigen muss. Die physiologische Voraussetzungen des Athleten und die Verbesserung dieser Voraussetzungen sind wichtigen Faktoren, um ein Weltklasseathlet zu werden, und einen effektiven Ruderstil zu entwickeln.
Der Ruderstil wird ebenfalls von vielen anderen Faktoren beeinflusst. Das Trainingsumfeld und der Trainer sind wichtig, da sich eine schlechte Trainingssteuerung oder Trainingsplan negativ auf den Ruderer auswirken kann, so dass er nicht in der Weltspitze Fuß fasst, obwohl er das Talent dazu hätte. Die richtige Bootseinstellung ist ebenfalls entscheidend, und auch die Wetterbedingungen beeinflussen den Ruderstil (z. B. Schiebe-, Gegen- oder Seitenwind). Im Falle von Gegenwind kann es bei einem Ruderer hilfreich sein, erfolgreich die Strecke zu bewältigen, wenn er sehr endzugbetont rudert. Weltklasseathleten müssen ebenfalls eine ungeheure mentale Stärke besitzen, um ihren Ruderstil auch unter extremer Ermüdung und anaeroben Bedingungen beizubehalten.
Zusammengefasst entwickelt sich ein individueller Ruderstil aus vielen Variablen. Er beinhaltet angeborenes Talent, physische und mentale Stärke, körperliche Voraussetzungen, Wetterbedingungen, Bootspartner, die Bootsklasse, die Strecke, das Trainingsumfeld, den Trainer und die Bootseinstellung.
In meinem Referat habe ich eine Reihe von Athleten und Rennen ausgesucht, um stilistische Unterschiede zu beschreiben und zu vergleichen. Ich habe Rennen von Olympia 2000 und 2004 und die Rennen der WM in Mailand 2003 ausgewählt, um die Ruderstile der Spitzenathleten zu analysieren, da mir Videomaterial dieser Veranstaltungen zur Verfügung stand. Ich habe ebenfalls Bilder von der Website vom Inverness Ruderclub, auf der Clips von verschiedenen Leistungsruderern in Bewegung unter Rennbedingungen gezeigt werden.
Es ist wichtig anzumerken, dass alle meine Kommentare laut meiner Wahrnehmung gemacht werden und daher subjektiv sind. Ich habe von verschiedenen Trainern und Athleten weitere Informationen bekommen. Intensive Videorecherchen führten zu den Ergebnissen, die ich vorstelle. Die Athleten waren alle erfolgreich, dennoch sind sowohl Vor- als auch Nachteile bei dem jeweiligen Ruderstil erkennbar. Ich beschränke mich darauf, wie der einzelne Ruderstil das Ziel der Athleten unterstützt, das Boot schnellstmöglich fortzubewegen. Der italienische Stil zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus. Ich habe ein Rennen des italienischen Leichtgewichtskullers Stefano Basalini gegen den Deutschen Peter Ording analysiert. Außerdem habe ich Marcel Hacker mit Olaf Tufte verglichen und den Kanadischen mit dem Amerikanischen Achter. Am intensivsten wurden die Rennen der Weltmeisterschaftsfinale von Mailand 2003 in die Analyse aufgenommen.
Im Fall der zwei Leichtgewichte ist der größte stilistische Unterschied zwischen den beiden Ruderern, dass Basalini durchgehend mit höherer Schlagzahl als Ording fährt. Der Italiener hat sehr schnelle Umkehrpunkte. Basalini hat einen sehr flüssigen Stil, mit dem er auf einem sehr hohen Schlagzahlniveau fahren kann. Er ist körperlich stark genug, um diese Geschwindigkeit zu fahren und im Endspurt auf den letzten 250 Metern sogar noch zu erhöhen. Nach dem Setzen bringt er zunächst einmal hauptsächlich die Beine. Der Oberkörper bleibt erst in der Vorlage und wird ab dem Mittelzug dafür um so stärker mit zurück geschwungen. Dieser Schwung ist so stark, dass er im Endzug sich schon wieder etwas aus der Rücklage aufgerichtet hat und den Skulls leicht entgegenkommt. Auffällig bei dieser Technik ist, dass er gleich beim Setzen die Arme sehr stark anbeugt (klammert) und die linke Hand näher an den Körper führt als die rechte. Im Leitbild von Wolfgang Fritsch ist die Handführung anders herum beschrieben, wie Ording dies auch ausführt. Peter Ording sitzt etwas weiter im Bug. Basalini hat aber genug Platz, Endzug zu ziehen, da sein Boot hoch geriggert ist. Peter Ording fährt einen gleichmäßigeren ruhigeren Schlag, der weniger Kraftspitzen in der Struktur aufweist, da er gleichmäßig Oberkörper- und Beinwinkel öffnet. Er schafft es aber nicht, mit dem gleichen Schlagzahlniveau von Basalini mitzuhalten, so dass es im Endspurt nicht mehr zum Sieg gereicht hat. Bei Peter Ording erkennt man, dass er sich gleichmäßig am Stemmbrett vorzieht, bei Basalini dagegen sieht es eher schon nach „Vorstürzen“ aus. Er rollt ähnlich schnell vor wie er den Schlag durchzieht. Dies entspricht ebenfalls nicht dem Leitbild von Fritsch, ist aber effektiv, wenn man die körperlichen Voraussetzungen mitbringt.
Am beeindruckensten ist Basalinis hohe Schlagzahl. Er hält die hohen Schläge nach der Startphase, während Peter Ording auf die Rennfrequenz heruntergeht. Der Italiener hat die Kraft und körperlichen Voraussetzungen und ist auch mental stark, um diesen Rhythmus und die Geschwindigkeit über die 2000 Meter Strecke beizubehalten. In Mailand 2003 gelang ihm damit der Sieg im Endspurt über Peter Ording, auf der WM in Banyoles wurde er vierter. Leider lag kein Videomaterial von Banyoles vor, so dass sich ein Vergleich seiner Rudertechnik ein Jahr später leider nicht durchführen ließ.
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Ruderern liegt in der Größe. Ording hat einen größeren Oberkörper als Basalini und kann daher aufrechter und lockerer im Boot sitzen. Basalini sitzt deutlich mehr „gestaucht“ in der Auslage, vielleicht ist es aber auch die Folge des schnelleren Vorrollens wie oben beschrieben.
Der Italiener rudert einen komprimierteren Stil, er erinnert in der Auslage fast an einen Ball, so zusammengerollt sitzt er in der Auslage und arbeitet dann hart daran, dass seine Bootsgeschwindigkeit konstant schnell bleibt. Sein Stil ist fließend, obwohl er sich auf einem sehr hohen Schlagniveau befindet. Peter Ording rudert ebenfalls einen sehr fließenden sauberen Stil. Er kann ihn nur leider bei Ermüdung am Ende des Rennens nicht mehr konstant halten, so dass er Plätze verliert. Im Jahr darauf auf der WM in Banyoles gelang es aber Ording, die Rangordnung umzuwerfen. Er siegte, während Basalini vierter wurde.
Es gibt klare Unterschiede zwischen der Technik der Leichtgewichte und der Schwergewichte. Der größte Unterschied liegt in der Größe und der Kraft, mit der sie rudern. Basalini hat einen sehr kraftvollen Schlag, aber vergleicht man ihn mit dem norwegischen Einerfahrer Olaf Tufte, sieht man, dass der Norweger viel mehr Kraft durch seinen Körperbau aufweist, um das Boot schnell durchs Wasser zu bewegen. Zwar rudern beide auf hohem Schlagzahlniveau, doch grundsätzlich fahren Leichtgewichte ca. zwei bis sechs Schläge höher im Rennen als ihre „schweren“ Kollegen. Gut beobachten ließen sich die schweren Männer Einer, speziell Tufte gegen den Deutschen Marcel Hacker, im Finale von Mailand und Tufte ebenfalls im Finale von Athen. Das Finale von Mailand gibt einen direkten Vergleich von Hacker und Tufte wieder, da beide die Bahnen nebeneinander hatten und um die Medaillen kämpften. Beide hielten konstant ihre Technik bei und kämpften Bug an Bug. Hacker legte sich vom Start an leicht vor und versuchte, das Rennen von vorn zu kontrollieren. Er rudert einen sehr aufrechten, fließenden und kraftvollen Stil, der mehr vorderzugbetont ist. Ich konnte bei einer Trainingseinheit in München dabei sein und habe direkt mit ihm über seine Technik gesprochen. In der Rücklage sitzt er annähernd mit senkrechtem Rücken und legt keinen Wert auf einen starken Endzug. Dafür ist er um so präziser in der Auslage. Ihn zeichnet ein schnelles Wasserfassen aus und setzt dann sehr effektiv seine Beine ein. Er nimmt mit dem Beinschub gleichmäßig den Oberkörper mit und lässt den Endzug durch einfaches Herannehmen der Hände ausklingen. Sein Ziel ist es, stabil im Oberkörper zu sein und einen ruhigen Stil mit Schwung statt nur mit reiner Kraft zu fahren. Er legt keinen Wert auf einen ausgeschobenen Endzug. Es lässt sich in der Rücklage sogar ein Stop im Rollsitz bemerken, da das Herannehmen, Hebeln und Vorführen der Hände ruhig erfolgt. Er stört damit aber nicht den Lauf des Bootes. In der Auslage sitzt er sehr kompakt mit senkrechtem Unterschenkel. Er sitzt dennoch aber so locker aufrecht, dass ihm die leichte Aufwärtsbewegung aus Händen und Armen sehr gut gelingt und er somit schnell Druck ans Blatt bekommt. Wiederum übernehmen dann die Beine und der Oberkörper gleichmäßig den Druck. Marcel Hacker fährt eine sehr konstante Technik, die auch vom Anblick sehr locker aussieht, als ob es ihn überhaupt nicht anstrengen würde. Er rudert mit viel Kraft, die man seinem Schlag nicht unbedingt ansieht, da er versucht sein Boot gleichmäßig durchs Wasser laufen zu lassen. Sein Ziel ist es, dass der letzte Schlag so aussieht wie der erste Schlag. Bei einem Gegner wie dem Tschechen Chalupa ist am Bootslauf deutlich zu erkennen, wie viel Kraft er in den Schlag legt. Das Boot macht immer wieder einen Satz bei der Beschleunigung. Hacker versucht dagegen, die Kraft gleichmäßig über den gesamten Schlag zu bringen. Leider gelingt es ihm im Endspurt aber nicht, noch einmal an Schlagzahl zuzulegen, er rudert ein starkes, konstantes Rennen.
Im Vergleich zu Marcel Hacker hat der Norweger Olaf Tufte einen ganz anderen Körperbau. Hacker ist groß und athletisch, Tufte dagegen ist etwas untersetzter und stämmiger gebaut. Der Norweger fährt ebenso wie Hacker vorderzugbetont. In der Auslage ist sein Unterschenkel nur annähernd senkrecht. Er setzt aber ebenso präzise wie Hacker und verschenkt keinen Weg, so dass er sich den Luxus der lockeren Auslage leisten kann. Den Durchzug führt er mit rundem Rücken aus, der ähnlich dem Bogen beim Bogenschießen unter optimaler Spannung steht. In der Rücklage bleibt sein Oberkörper ebenfalls fast senkrecht. Auch er legt keine Betonung auf den Endzug. Er sitzt weiter im Bug als Hacker, zieht den Endzug aber nicht weiter aus. Er hebt deutlich vor dem Körper aus und vermeidet dadurch Platzprobleme beim Hebeln. Es gelingt ihm, flüssig die Hebel- und Vorführbewegung durchzuführen. Ansonsten fahren die beiden Athleten einen ähnlichen vorderzugbetonten Schlag. Entscheidend für den Rennausgang in Mailand war daher vielleicht eher die Taktik. Tufte fuhr die ersten 1000 Meter dicht hinter Hacker mit, versuchte dann mit Druckerhöhung und schließlich 500 Meter vor dem Ziel mit einer Schlagzahlerhöhung an Hacker vorbeizuziehen. Die Schlagzahlerhöhung erreichte er, indem er einfach kürzer in die Auslage rollte. In der Zeitlupe sieht man deutlich, dass der Unterschenkel nicht mehr senkrecht war. Die Schlaglänge mit der höheren Frequenz reichte aber aus, um Hacker zu überspurten und ihn auch mental zu besiegen. Hacker setzte zwar alles daran, ihn nicht vorbeiziehen zu lassen, konnte aber die Frequenz nicht mehr erhöhen und musste sich knapp geschlagen geben. Dies mag auch ein Nachteil an Hackers Technik sein. Er schafft es, sehr konstant ein Niveau durchzurudern, konnte aber keine kurzfristige Variation im Finale einbringen.
Diesen konstanten Stil von Marcel Hacker kann man ebenfalls sehr schön beim Männerachter der USA beobachten. Sowohl das Finale von Mailand als auch das Finale von Olympia Athen gingen in die Analyse des Stils der USA und der Kanadier mit ein. Im Vergleich zu den Kanadiern fahren die Amerikaner einen gleichmäßigen und einheitlichen Stil. Die Kanadier führen das Leitbild des Riemenruderns in ihrer Extremform aus. Zwar sollen die Ruderer sich zu der Seite ihres Auslegers eindrehen, doch die Kanadier beugen sich extrem weit zu ihrem Ausleger herüber, kippen also mehr zur Seite, als dass sie sich eindrehen. Dadurch dass jeder Ruderer eine extreme Rücklage einnimmt und diese durch das extreme Zurückschwingen des Oberkörpers erfolgt, sieht man im Boot keine einheitliche Linie. Es sieh durch die unterschiedlichen Körpermaße fast etwas „chaotisch“ aus. Die Kanadier haben den Stil der extremen Rücklage in die Weltspitze gebracht und waren damit 2003 auch sehr erfolgreich. Sie belasten damit zwar mehr den Bug des Bootes, können aber einen längeren Weg im Wasser beschreiben, doch eine einheitliche Länge bekommen sie nicht ins Boot. Dennoch erreichen sie eine hohe Beschleunigung des Achters. Die Kanadier sitzen weit im Heck und müssen sich deshalb sehr weit zurücklehnen, um den Riemen überhaupt aus dem Wasser zu bekommen. Aber es gelingt ihnen damit, sowohl vorderzugbetont als auch endzugbetont zu rudern. Sie bekommen damit einen längeren Schlag, obwohl die Mannschaft sehr inhomogen aussieht. Jeder Ruderer versucht auf seine Weise diese Länge hinzubekommen. Dabei lehnt sich der ein oder andere mal mehr und weniger zu seiner Seite. Aber mag es „komisch“ oder ineffektiv aussehen, den Kanadiern gelingt ein sehr effektiver Vortrieb. Im Vergleich zu dem sehr „unorthodoxen“ Ruderstil der Kanadier rudern die Amerikaner eher einen klassischen amerikanischen Ruderstil. Die Ruderer sitzen ruhig im Boot und die Köpfe sind auf einer Linie vom Bug zum Heck. Die Oberkörper werden zur Auslage zur jeweiligen Seite eingedreht, sind aber in der Rücklage alle wieder in einer Linie über der Bootsachse. Sie rudern insgesamt aufrechter und nehmen nur eine leichte Rücklage ein, wie sie typisch fürs Riemenrudern ist. Man sieht eine Hebelbewegung mit leichter Rücklage. Die USA rudert kompakter zusammen als die Kanadier, obwohl die Kanadier mit ihrer extremen Rücklage fast eine neue Phase des Endzuges kreiert haben. Die USA ist sehr exakt und gleich in der Auswahl ihrer Athleten und der daraus resultierenden Technik. Diesen Stil halten sie auch bei höherer Schlagzahl im Endspurt. In Mailand haben die Kanadier mit ihrer neuen effektiven Technik vielleicht auch die USA etwas geschockt und verunsichert. Sie haben in Mailand gewonnen. Ich habe mit Mike Teti gesprochen und ihn zu seinem Technikleitbild und den Trainingsmethoden befragt. Er sagte mir, dass er niemal von seinem Achter behaupten würde, er rudere den besten Stil. Für ihn ist nur wichtig, was die Mannschaft ans Blatt bringt. Nach der WM in Mailand 2003 stellte er fest, dass seiner Mannschaft die Länge im Wasser fehlte, die vielleicht die Kanadier brachten. Er übernahm aber nicht deren unorthodoxen Stil sondern versuchte mit Flexibilitätstraining die Schlaglänge zu vergrößern. Viele Technikübungen halfen ihm dabei, so dass der US-Achter ein Jahr später mit mehr Länge und niedrigerer Schlagzahl, nur noch Schlagzahl 35-36 anstelle von Schlagzahl 38), den Olympiasieg erlangte. Es bleibt die Frage offen, was entscheidend für den jeweiligen Gewinn war. Zu bemerken ist noch einmal, dass der Gewinn eines Rennens von vielen Faktoren abhängt.
Analysiert man die verschiedenen Rennergebnisse der Spitzennationen und Spitzenathleten über die letzten Jahre, die im Referat beschrieben wurden, so lässt sich nicht eine führende Rudertechnik definieren. In Mailand hat der italienische Leichtgewichtsruderer Basalini den Deutschen Ording auf den dritten Platz hinter dem Briten Tom Kay verwiesen. Ein Jahr später wurde Ording Weltmeister, und Basalini wurde im Finale vierter. Im Männer einer wurde Hacker auf der WM in Sevilla 2002 Weltmeister, 2003 in Mailand und 2004 bei Olympia gewann Tufte. Auch im Männerachter wechselten die Siegernationen. Konnten die Kanadier noch die WM in Mailand gewinnen, erreichten die USA den Olympiasieg.
Deshalb komme ich zu dem Schluss, dass es auf der Spitzenebene klare stilistische Unterschiede zwischen den Ländern und einzelnen Athleten innerhalb einer Mannschaft gibt. Jeder Athlet hat die Basistechnik in der Jugend gelehrt bekommen und mit den jeweiligen Trainern individuell auf die eigenen körperlichen und mentalen Voraussetzungen abgestimmt. Jeder Ruderstil bringt Vor- und Nachteile mit sich, und jeder Spitzenathlet muss die für ihn effektivste Bewegung wählen. Einfacher ist es für die Einerfahrer, weil im Mannschaftsboot müssen sich die Athleten etwas mehr anpassen. Es gibt nicht den perfekten Ruderer und keine universelle optimale Rudertechnik, die für jeden Spitzenruderer oder -mannschaft geeignet ist.
Wolfgang Fritsch beschreibt dieses Ergebnis in seinem Buch „Handbuch für den Rudersport“ (Meyer & Meyer Verlag 1988, Aachen. 2., überarb. Neuauflage 1992, 3., überarb. Neuauflage, 1999, s. 73) ganz deutlich.
„Wenn man sehr gute Ruderer und Rudermannschaften beobachtet, gibt es „keine Einigkeit darüber, wie die optimale Rudertechnik auszusehen hat“.
„Eine gute Rudertechnik hat generell, unabhängig von der sportlichen Zielsetzung, zwei Hauptaufgaben zu erfüllen:
- Sie soll bewirken, dass die konstitutionellen und konditionellen Gegebenheiten des Ruderers für die Bootsgeschwindigkeit genutzt werden (effektiver Vortrieb).
- Sie soll zudem bewirken, dass die Kräfte und Bewegungen, die dem Vortrieb des Bootes entgegenwirken oder zu einem höheren Energiebedarf beim Ruderer führen, minimiert werden (Verringerung der Widerstände)“.
Wolfgang Fritsch macht mit seiner Beschreibung darauf aufmerksam, dass der Aufbau eines effektiven Ruderstils ein Prozess ist, der durch die Beziehung von Trainer und Athlet entwickelt wird. Zum einen unterliegt der Ruderstil individuellen Veränderungen, andererseits ist er aber auch abhängig vom Trainer von Vorbildern und dem gesamten Trainingsumfeld.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass jeder Ruderstil Vor- und Nachteile hat und es nicht eine einheitliche Technik für erfolgreiches Rudern gibt. Die Athleten, die untersucht wurden, rudern alle verschiedene Stile, sind aber auch alle damit erfolgreich. Der Schluss für jeden Athleten muss sein, den für ihn effektivsten Ruderstil zu wählen und sich an den Vorbildern zu orientieren und zu lernen. Es gibt kein Rezept für die erfolgreiche Rudertechnik! Viele Wege führen zum Ziel, viele Techniken führen zum Weltmeistertitel oder Olympiasieg.
Literaturverzeichnis
- Fritsch, W. (2004). Tipps für den Rudersport (2. überarb. Aufl.). Aachen: Meyer und Meyer.
- Fritsch, W. (1999). Handbuch für den Rudersport. Aachen: Meyer und Meyer.
- Fritsch, W- (2004). Das große Buch vom Rennrudern. Aachen: Meyer und Meyer.
von Kathryn Jäger
enstanden im Rahmen der Hausarbeit für Trainerin B des DRV 2004