Der Durchzug

Einsatz der Arme

Große Einigkeit existiert bei allen rudertechnischen Leitbildern bezüglich des Einsatzes der Arme. Nolte formuliert in der Rudersport 34/1982: Der Anfang des Durchzuges „erfolgt ausschließlich durch Vergrößern des Knie- und Hüftwinkels. Die Arme bleiben gestreckt“. Altenburg/Mattes geben im rudertechnischen Leitbild des Deutschen Ruderverbandes in der Rudersport 1/2001 vor: „Der Durchzug beginnt mit dem gleichzeitigen Öffnen des Knie- und Hüftwinkels bei natürlich gestreckten Armen, unterstützt durch leichten Schultereinsatz. Diese Forderung findet sich auch im Leitbild des Ruderverbandes Schleswig-Holstein in den seit 1993 veröffentlichten Checklisten: „Arme im Durchzug – erst locker gestreckt“.

Der Armzug selber soll im Ruderverband Schleswig-Holstein beginnen, wenn die Hände im Bereich der Knie sind. Altenburg/Mattes fordern: „Die Armbeugung beginnt, kurz bevor die Hände die Knie passieren.“ Nolte formuliert lediglich, dass der Endzug „insbesondere durch die Arme und Schultern erfolgen soll.“ Auch hier sind keine wesentlichen Abweichungen bezüglich des Armeinsatzes bei den verschiedenen Leitbildern festzustellen.

Zusammenarbeit der Beine, des Rückens und der Arme im Durchzug

Im Ruderverband Schleswig-Holstein sollen am Anfang „erst Beine und Rücken gemeinsam arbeiten“. Dies deckt sich mit den oben aufgeführten Forderungen von Nolte und Altenburg/Mattes. Wenn die Hände im Bereich der Knien sind, arbeiten Beine, Rücken und Arme gemeinsam. Dies deckt sich mit dem Leitbild von Altenburg/Mattes, bei denen „die Beinstreckung erst nach der Dolle abgeschlossen ist.“ Gemeint ist wohl, wenn die Hände sich hinter der Dolle befinden. Bei Weltklasserudern ist zu beobachten, dass die Beine den Armzug fasst bis zu Ende begleiten.

Im letzten Teil des Durchzuges ziehen im rudertechnischen Leitbild des Ruderverbandes Schleswig-Holstein die Arme alleine, der Rücken soll in dieser letzten, sehr kurzen Phase des Durchzuges fest sein. Altenburg/Mattes schreiben sehr allgemein, dass der Oberkörper in ca. 120° Rückenlage fixiert wird. Nolte äußert sich hierzu gar nicht. Begründet wird in Schleswig-Holstein die Fixierung des Rückens im allerletzten Teil des Durchzuges damit, dass auf den letzten Zentimetern des Durchzuges (vom vorletzten zum letzten Bild der rechten Bildreihe) so gut wie kein Vortrieb mehr erzeugt werden kann. Die Nachteile einer weiteren Zurücknahme des Rücken mit Stampfen des Bootes und der Belastung der Bauchmuskulatur wurden bereits im letzten Artikel beschrieben.

Abweichung in der Wirklichkeit

Rudertechnische Leitbilder sind das eine, die Wirklichkeit des Ruderns manchmal etwas anderes. Interessant ist, dass der deutsche Frauen-Doppelvierer seit Jahren ungeschlagen ist. Die Frauen beugen aber in aller Regel sofort die Arme. Nach meiner Kenntnis wird dies offiziell von allen Bundestrainern als Fehler dargestellt. Es bleibt für mich aber fraglich, warum Spitzentrainer bei Spitzenathleten dieses Leitbild dann nicht umsetzen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ist in jungen Jahren gepfuscht worden und eine Veränderung gelingt bei den Athletinnen nicht mehr oder aber es gibt Gründe, die nicht öffentlich gemacht werden.

Genauso interessant ist allerdings, dass die Italiener mit ihrem Leitbild „erst treten nur die Beine“ seit Jahren erfolgreich Weltmeister produzieren, ich spreche bei dieser Rudertechnik deswegen gern auch von „italienischer Technik“. Der Oberkörper bleibt bei dieser Technik im ersten Teil des Durchzuges nahezu im Vorlagewinkel, auch die Arme bleiben erst locker gestreckt. Zu Unrecht wird Ruderern mit dieser Technik teilweise vorgeworfen, sie würden „Kiste schieben“, denn dann müsste sich der Vorlagewinkel ja sogar vergrößern, und das ist eigentlich nie zu beobachten!

Reinhart Grahn

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